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Yannick Mosimann

Was machen eigentlich unsere ehemaligen Studierenden?
Von der Arbeit erzählt: Yannick Mosimann – Filmschaffender / Soundkünstler (Abschluss 2015)

Yannick, du arbeitest selbständig als Filmschaffender, Sound-Künstler und Fotograf. Kannst du uns VON DEINER ARBEIT ERZÄHLEN?

Ich mache kurze und lange Filme auf 16mm, drehe, entwickle und schneide alles selbst. Mir ist es wichtig, jeden Teil dieses Prozesses selbst zu verstehen und zu kontrollieren. Etwas in ein Labor zu schicken, bei dem ich nicht dabei sein kann, versuche ich zu umgehen. Dabei interessiert mich eine DIY-Haltung gegenüber dem Medium: keine grossen Apparate, keine Infrastruktur, sondern direkte, körperliche Auseinandersetzung mit Material und Ort.

Ich beschäftige mich mit dem Anthropozän, mit Natur und menschlicher Wahrnehmung, mit den Übergängen zwischen dem Greifbaren und dem Ungreifbaren, dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren.

Daneben mache ich Expanded Cinema Performances, Aufführungen, bei denen Film den Kinosaal verlässt: Projektoren, Ton und Raum werden live bespielt, Bild und Klang entstehen im Moment, oft improvisiert, oft gemeinsam mit anderen Künstler*innen. Ich mache Musik, schreibe Texte, fotografiere. Was mich eigentlich beschäftigt, sind die Grenzen zwischen diesen Medien.

Du ARBEITEST OFT ANALOG UND EXPERIMENTIERST MIT VERSCHIEDENEN MATERIALIEN. WAS INTERESSIERT DICH DARAN?

Ich bin kein Purist und auch nicht nostalgisch. Ich arbeite mit 16mm, weil mich das Material zwingt, langsam zu sein. Begrenzte Länge, keine sofortige Kontrolle über das Resultat, die Haptik des Zelluloids: das ist kein Nachteil, sondern der Kern. Mein Kopf funktioniert besser mit Grenzen. Und ich werde immer wieder überrascht. Dieses kindliche Erforschen treibt mich an.

Film ist schichtweise Emulsion auf einer Oberfläche, er hat physische Tiefe, er existiert im Raum, er ist skulptural. Man kann ihn anfassen, zerkratzen, in Säure legen, vergraben. Er trägt Spuren. Das Material ist kein Träger von Bildern, sondern ein lebendiges Element der Erzählung. Ich liebe die Schönheit des Analogmaterials. Es bleibt magisch, alchemistisch, trotz fast zehn Jahren ausschliesslicher Arbeit mit 16mm erschliesst sich mir vieles nicht. Mit Film weiss ich, wo ich anfangen soll, digital nicht.

Ich entwickle von Hand, oft mit organischen Substanzen wie Pflanzenextrakten, Meerwasser oder Erde. Die Natur ist dabei nicht nur Thema, sondern aktive Mitgestalterin. Es sind Bilder, die von der Natur mitgestaltet werden, nicht nur Bilder von ihr.

Analoges Filmemachen ist weder teuer noch kompliziert. Kauft abgelaufene Filme, fragt eure Grosseltern nach Super 8 oder 16mm Kameras, die liegen überall rum. Sie nehmen keinen Ton auf, was kein Nachteil ist, und natürliches Licht ist sowieso das schönste Licht, das es gibt. Entwickelt das Material selbst, zum Beispiel mit Kaffee: funktioniert super, ist nicht teuer und nachhaltiger als übliche Fotochemikalien.

WIE SIEHT DEIN ARBEITSPROZESS AUS?

Manche Projekte entstehen aus langen, geduldigen Beobachtungen: einen Ort immer wieder aufsuchen, zuhören, warten, bis sich etwas zeigt, das ich vorher nicht gesehen habe. Andere beginnen mit einem sehr schnellen, intuitiven Moment: ein Bild, ein Geräusch, eine Begegnung, die sich festsetzt und nicht loslässt. Was fast immer am Anfang steht, ist Neugier auf etwas, das sich mir noch nicht vollständig erklärt. Dieses Nichtverstehen versuche ich so lange wie möglich zu erhalten. Sobald ich das Gefühl habe, etwas vollständig verstanden zu haben, verliert es mich.

Manche Projekte sind auch reine Materialfilme. Ich habe kürzlich eine Filmrolle in Kompost zersetzen lassen und sie danach scannen lassen. Was dabei entsteht, ist kein Film im traditionellen Sinn, sondern ein Dokument eines Prozesses, den ich nur teilweise kontrolliert habe.

Wenn ich anfange zu filmen, habe ich den Anspruch, ökologisch zu arbeiten. Ich werfe nie Material weg, alles landet irgendwann in einem Film. Es gibt kein fehlerhaftes oder schlechtes Material. Meine Filme sind keine abgeschlossenen Aussagen, sondern Suchbewegungen. Es geht nicht darum, Geschichten zu erzählen, sondern Räume zu öffnen, in denen Wahrnehmung geschärft und Zeit gedehnt wird. Ich interessiere mich für den Moment vor der Sprache, für das, was sich zeigt, bevor man anfängt, es zu benennen. Das Kino kann das, wenn man es lässt.

Manchmal verstehe ich meine fertigen Filme selbst nicht mehr vollständig. Ich sitze im Dunkeln und schaue etwas, das ich gemacht habe, und weiss nicht genau, was es ist. Das finde ich ehrlich gesagt sehr lustig. Und das ist wahrscheinlich ein gutes Zeichen: es macht mir jedenfalls Freude, und das muss immer ein Teil davon sein.

An WELCHEN PROJEKTEN ARBEITEST DU IM MOMENT?

Bei mir läuft vieles parallel. Mit dem britischen Klangkünstler Tim Shaw arbeite ich an «Wormgear», einer Expanded Cinema Installation und Live-Performance. Tim arbeitet mit sensorbasierten Audiosystemen, elektromagnetischen Feldern und ortsspezifischen Klanginteraktionen. «Wormgear» stellt eine einfache, aber ungewöhnliche Frage: «Was passiert, wenn man einen Filmprojektor nicht benutzt, um einen Film zu zeigen, sondern ihn als Musikinstrument spielt?» Im Juni haben wir dafür eine Residenz in Bern.

In Koproduktion mit Noëmi Steffen entsteht «Intermission», ein No-Wave Theater / Film-Hybrid auf 16mm über eine junge Frau, die als Regieassistentin in einem von Männern geprägten Theaterbetrieb zwischen Euphorie, Abhängigkeit und Selbstverlust taumelt.

«Waiting for Bufo» ist ein Langfilm, der aus jahrelangen, täglichen Beobachtungen der Amphibienwanderungen im Köniztäli bei Bern entstanden ist. Frösche und Kröten als Ausgangspunkt – nicht weil sie spektakulär sind, sondern weil sie es nicht sind. Diese sonderbaren Geschöpfe im Grenzbereich zwischen Wasser und Land, zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden, faszinieren mich sehr. Das Material ist entwickelt und ich bin gerade in der Schnittphase.

«OOOO» ist ein offenes Expanded Cinema Projekt, das ich zusammen mit Jaronas Höhener und Flo Hufschmid gegründet habe und dem immer wieder weitere Künstler*innen dazustossen. Im Herbst 2026 planen wir eine längere Europatournee an experimentellen Film- und Musikspielorten quer durch Europa.

Und ein neues Projekt führt mich in ein Tierheim neben meinem Zuhause. Ein Ort, der mich nicht mehr loslässt, seit ich spontan hineingegangen bin. Das Tierheim als Institution: es verwaltet das Scheitern der Beziehung zwischen Mensch und Tier, gibt ihm eine Adresse. Mich interessiert die strukturelle Logik des Ortes. Was es bedeutet, ein System der Fürsorge zu sein, das gleichzeitig einsperrt. Dieses Projekt ist noch ganz am Anfang.

IM JAHR 2015 HAST DU DEN BAchelor VIDEO ABGESCHLOSSEN. WAS HAST DU AUS DEM STUDIUM MITGENOMMEN UND WIE GING ES BEI DIR NACH DEINEM ABSCHLUSS WEITER?

Ich bin unvorbelastet an die HSLU gekommen, mit einer reinen Freude an bewegtem Bild und seinen Möglichkeiten. Ich bin sehr froh, dass ich Film studiert habe, diese drei Jahre waren intensiv an Input und Output. Ich habe die Regeln und Ideen von Film gelernt, wahnsinnig viele Filme geschaut, viel schönen Austausch gehabt. Und dann irgendwann versucht, im Bewusstsein all dessen alles wieder abzulegen und erneut unvorbelastet Filme zu machen. Dieser Kreis fühlt sich richtig an.

Nach dem Abschluss war ich lange irgendwo zwischen Dienstleistung und Kreation gefangen. Hunderte Musikvideos und Aufträge, die ich halbherzig gemacht habe. Das hat mich emotional ausgelaugt. Ich habe mich auch auf grösseren Filmsets versucht, war dort aber masslos überfordert und eingeschüchtert. Dieser Apparat, diese Maximalisierung, ich habe sie nicht verstanden und sie haben mich nicht interessiert. Irgendwann habe ich mich nicht mehr als Filmemacher verstanden. Ich habe Fine Arts und Sound Arts studiert, alles auf die eigene Arbeit gesetzt und jetzt abgesehen von teils grossen finanziellen Abstrichen bin ich wahnsinnig wohl, wo ich bin. Das war die richtige Entscheidung.

DEINE FILME WERDEN ERFOLGREICH AN FESTIVALS UND IN KUNSTKONTEXTEN WELTWEIT GEZEIGT. WIE ERLEBST DU DIESEN TEIL DEINER ARBEIT?

Es fühlt sich schön an und ich brauche es, denn ich bewege mich in einer sehr spezifischen Nische und habe im Alltag kaum Kontakt zu gleichgesinnten Künstler*innen. An Festivals für experimentellen Film zusammenzukommen, sich auszutauschen, die Filme gemeinsam zu erleben, sich zu unterstützen, ist wunderschön und spornt mich enorm an. Ich fühle mich heute sicher in dieser Nische. Dieses Vertrauen ist über Jahre gewachsen, eng verbunden mit vielen Entbehrungen.

Gleichzeitig liebe ich es, meine Filme auch als Bücher, Loops, Fotografien oder als Musik neu zu interpretieren. Diese Fluidität erlaubt mir, in Kunstkontexten auszustellen, wo Film noch häufig auf Ablehnung stösst, und das Werk in immer neuen Formen weiterzudenken.

Manchmal werden Filme von mir auch an eher klassischen Filmfestivals gezeigt. Das ist schön, aber der Begriff «Experimentalfilm» ist dort manchmal undankbar. Diese Filme sind dann Aliens in ihrer Umgebung, werden als Einstiegsstufe in ein sogenanntes professionelles Kino verstanden und im Q&A kommt dann oft die Frage, wann ich meinen ersten Spielfilm mache. Mich zieht diese Welt nicht an. Was ich mache, ist keine Vorstufe zu etwas anderem. «The industry is shit, it’s the medium that’s great» – keine Ahnung mehr, wo ich das aufgeschnappt habe, aber das reicht als Erklärung.

GIBT ES ETWAS, DAS DU ANGEHENDEN FILMSCHAFFENDEN DER HSLU AUF DEN WEG GEBEN MÖCHTEST?

Macht ganz viele Fehler, seid ineffizient, verliert euch, scheitert, fangt neu an. Niemand braucht einen weiteren Film, der aussieht, als hätte man alles richtig gemacht. Ignoriert die Förderkriterien. Leiht euch Material aus, fragt Freundinnen, tauscht Arbeit gegen Arbeit. Schaut wahnsinnig viele Filme – alles, was ihr kriegen könnt – und macht dann etwas, das danach aussieht, als hättet ihr sie nie gesehen. Habt keine Angst vor Länge, vor Stille, vor Nichtlinearem. Vergesst Perfektion. Vergesst Professionalität. Vergesst die Karriere.

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